Luxemburg als Test: Wird die Philharmonie das Konzert von Netrebko stoppen, nachdem Rumänien und Prag dies getan haben
Die ukrainische Botschaft in Luxemburg fordert die Absage des Auftritts von Anna Netrebko am 15. Juni 2026 — die Sängerin wurde von Kyjiw auf die Sanktionsliste gesetzt, weil sie Putin unterstützt, und hat bereits Auftritte in mehreren europäischen Ländern verloren. Luxemburg äußert sich bislang nicht dazu.
Von Tetiana Suchkova-Ladik
10. Juni 2026 · 3 Min. Lesezeit
Die Botschaft der Ukraine in Belgien und im Großherzogtum Luxemburg hat sich offiziell an die Behörden des Landes gewandt und die Absage des Konzerts der russischen Opernsängerin Anna Netrebko in der „Philharmonie Luxemburg" gefordert, das für den 15. Juni 2026 geplant ist. Dies ist bereits nicht der erste solche diplomatische Druck auf europäische Bühnen — und nicht die erste erfolgreiche Kampagne.
Was die Ukraine vorbringt
In der Erklärung der Botschaft wird Netrebko als eine Künstlerin bezeichnet, die eng mit dem Kremlin verbunden ist. Die Diplomaten erinnerten daran: Russland nutzt die Kultur seit Jahren als Instrument des internationalen Images, und Auftritte bekannter Persönlichkeiten aus dem kremlinternen Kulturestablishment dürfen nicht isoliert vom Kontext des vollflächigen Krieges betrachtet werden. Die Botschaft informierte die zuständigen Behörden Luxemburgs und forderte auf, die Umstände der Veranstaltung zu überprüfen — dankte dem Land gleichzeitig für seine Unterstützung der Ukraine.
Die Vorwürfe gegen Netrebko sind nicht neu und nicht unbegründet. 2014 fotografierte sie sich mit der Flagge des sogenannten „Neurussland" und unterstützte öffentlich die Kämpfer der sogenannten „L/DNR". 2023 setzte die Ukraine die Sängerin auf die Sanktionsliste. Nach der vollflächigen Invasion 2022 beendete die New Yorker „Metropolitan Opera" den Vertrag mit ihr wegen ihrer Weigerung, Putin öffentlich zu verurteilen, und später tat dasselbe die Bayerische Staatsoper.
Kultur in den Händen der kremlinternen Maschinerie ist eine ebenso Waffe wie Raketen und Panzer.
— Botschaft der Ukraine in Frankreich, Februar 2026
Es gibt Präzedenzfälle — und sie funktionieren
Im Herbst 2025 erreichte die Botschaft der Ukraine in Rumänien zusammen mit lokalen Aktivisten die Absage eines Netrebko-Konzerts in Cluj-Napoca. Der Auftritt mit dem Siebenbürgen-Philharmonie-Orchester und die Verleihung des Titels einer Ehrenvollrektorin der Nationalen Musikakademie „George Dima" — beide Veranstaltungen wurden abgesagt. Zuvor wirkte eine ähnliche Kampagne in Prag: Die Organisatoren folgten der Empfehlung der Stadtregierung, die sich mit der ukrainischen Botschaft beriet — obwohl bereits über 80% der Tickets verkauft worden waren.
Ungarn dagegen lehnte ab: Die Ungarische Staatsoper Budapest sagte Netrebkos Auftritt im März 2025 nicht ab, selbst nach offiziellem Antrag des ukrainischen Botschafters. Der Unterschied in den Reaktionen ist aussagekräftig: Entscheidungen treffen konkrete Direktoren und Regierungen, nicht ein abstraktes „Europa".
Parallel dazu forderte die Botschaft der Ukraine in Frankreich im Februar 2026 das Pariser Théâtre des Champs-Élysées auf, auf eine ganze Serie von Auftritten russischer Künstler von März bis Juni zu verzichten — darunter erneut Netrebko. Das heißt, Luxemburg ist Teil einer koordinierten diplomatischen Kampagne, nicht eine isolierte Episode.
Warum dies über die Oper hinaus bedeutsam ist
Nach Aussage des ukrainischen Botschafters in Großbritannien Walerij Saluschnyj sind Netrebkos Auftritte Teil der „weichen Macht" des Kremlin, die Kriegsverbrechen legitimiert. First Lady Olena Zelenska fügte hinzu, dass solche Entscheidungen kulturelle Enteignung anheizen — wenn Errungenschaften der ukrainischen Kunst Russland zugeschrieben werden. Es geht nicht um persönliche Antipathie gegen eine bestimmte Sängerin, sondern darum, wer und unter welchen Bedingungen Zugang zu öffentlichen Bühnen in Ländern erhält, die die Ukraine offiziell unterstützen.
Luxemburg ist ein kleines, aber symbolisch wichtiges Land: Hauptsitz wichtiger EU-Institutionen, Geber von Hilfe für die Ukraine, Teilnehmer an Sanktionspaketen gegen Russland. Die Entscheidung der staatlichen „Philharmonie Luxemburg" ist nicht nur eine kulturelle Frage, sondern auch ein Signal dafür, wo die Grenze zwischen Kunstwerk und politischer Verantwortung verläuft.
Wenn die „Philharmonie Luxemburg" das Konzert nicht absagt, wird dies zum ersten offenen Bruch zwischen der offiziellen Position des Landes zum Krieg und der Entscheidung seiner staatlichen Kultureinrichtung — und genau diesen Präzedenzfall werden diejenigen ausnutzen, die schon jetzt argumentieren, dass „Kunst jenseits von Politik" steht.