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Polen hat achtmal weniger Arbeitsvisa ausgestellt – doch seine Wirtschaft braucht Migranten mehr als je zuvor

Warschau meldet Erfolg der neuen Migrationspolitik: Minus 87 Prozent Arbeitsvisa in einem Jahr. Das Problem ist jedoch, dass sich der polnische Arbeitsmarkt gleichzeitig schrumpft und zunehmend von Ausländern abhängig wird.

Tetiana Suchkova-Ladik

Von Tetiana Suchkova-Ladik

10. Juni 2026 · 2 Min. Lesezeit

Polen hat achtmal weniger Arbeitsvisa ausgestellt – doch seine Wirtschaft braucht Migranten mehr als je zuvor
Фото: Depositphotos

Das polnische Innenministerium kündigte ein Ergebnis an, das in Warschau als Sieg dargestellt wird: Die Anzahl der ausgestellten Arbeitsvisa für Ausländer ist um 87% gesunken. „Um den Arbeitsmarkt zu schützen, ist es uns gelungen, den Missbrauch bei der Ausstellung von Arbeitserlaubnissen einzudämmen", teilte das Ministerium mit. Das ist die gesamte offizielle Botschaft. Aber die Statistik hat eine Kehrseite.

Was hinter der Ziffer 87% steckt

Die drastische Kürzung ist nicht einfach das Ergebnis von „Missbrauchsbekämpfung". Seit dem 1. Januar 2025 gelten in Polen neue Regeln für die Beschäftigung von Ausländern: verbindlicher Arbeitsvertrag, strenge Kontrolle der Arbeitgeber, verstärkte Strafverfolgung bei Verstößen. Das System hat faktisch den massiven Strom von Arbeitsvisa durch Vermittler gestoppt — genau dieser Kanal war für einen großen Teil der bisherigen Statistik verantwortlich.

Parallel dazu schrumpft auch das Reservoir der Arbeitsmigrantinnen und -migranten selbst. Nach Angaben der polnischen ZUS gab es Ende Februar 2024 in Polen 690.000 ukrainische Arbeitskräfte — 4,6% weniger als vor zwei Jahren. Ein Teil kehrt in die Ukraine zurück, ein Teil zieht nach Deutschland, wo die Löhne höher sind.

Paradoxon: Weniger Visa – größeres Defizit

Die polnische Wirtschaft gerät in eine demografische Falle. Nach Prognosen des Zentralen Statistischen Amts von Polen wird die Bevölkerung des Landes bis 2060 um 6,7 Millionen Menschen schrumpfen. Bauwesen, Logistik und Produktion leiden bereits jetzt unter Arbeitskräftemangel — und genau diese Branchen stützten sich traditionell auf Arbeitskräfte aus dem Ausland.

„Das Potential der Migration aus Ländern mit ähnlicher kultureller Vergangenheit, wie der Ukraine und Weißrussland, wird allmählich aufgebraucht".

Polnische Wirtschaftler, zit. nach Obozrevatel

Umfragen bestätigen den Widerspruch zwischen der Rhetorik der Regierung und der Stimmung in der Wirtschaft: 73% der Polen sind der Ansicht, dass das Land für qualifizierte ausländische Arbeitskräfte offen bleiben sollte, meldet Liga.net unter Berufung auf polnische soziologische Daten.

Neue Strategie ohne fertige Antworten

Das Innenministerium entwickelt eine Migrationsstrategie für 2025–2030 — Polen hatte seit 2016 kein solches offizielles Dokument. Nach Angaben von etias.com sollte die Strategie bis zum Beginn der polnischen EU-Ratspräsidentschaft fertig sein. Gleichzeitig setzt Polen nach Angaben von Fragomen parallel eine neue EU-Richtlinie zur „Blauen Karte" um — ein Instrument zur Gewinnung hochqualifizierter Fachkräfte und nicht von Saisonarbeitern.

Der Kurs ist also offensichtlich: weniger billige Arbeitskraft durch graue Kanäle — mehr legale, aber selektive Kanäle. Die Frage ist, ob die neue Struktur den Bedarf des Marktes decken wird, bevor ein Defizit das BIP-Wachstum zu bremsen beginnt.

Sollte Polen die massiven Kanäle der Arbeitsmigration wirklich schließen, ohne bis 2026–2027 ein effektives System zur Gewinnung qualifizierter Fachkräfte in Betrieb zu nehmen, werden das Bau- und Logistikgewerbe dies als Erste in Form steigender Kosten und verpasster Termine zu spüren bekommen.

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