600 Millionen für Tschornobyl — während internationale Geber nach €500 Millionen für eine Kuppel suchen, die den Reaktor bereits nicht mehr isoliert
Das Oberste Repräsentantenhaus bewilligte zusätzliche Mittel für den Betrieb des Kernkraftwerks Tschornobyl, doch die innere Logik der Zahlen offenbart das tatsächliche Ausmaß des Problems: Ukrainische Gelder decken die Betriebskosten ab, während die Abschirmungsstruktur nach dem Drohnenanschlag im Februar 2025 immer noch nicht wiederhergestellt wurde.
Von Tetiana Suchkova-Ladik
10. Juni 2026 · 2 Min. Lesezeit
Änderungen am Staatshaushalt, die von der Werchowna Rada verabschiedet wurden, ermöglichen es, fast 600 Mio. UAH für den sicheren Betrieb des Kernkraftwerks Tschornobyl und der Sperrzone bereitzustellen. Nach Aussage des Ersten Vizepremierministers und Energieministers Denis Schmyhal werden 525 Mio. UAH zur Unterstützung der Reaktorblöcke des Kraftwerks und des Objekts „Ukryttja" (Schutzgehäuse) verwendet, weitere über 72 Mio. UAH für die Umweltüberwachung der Sperrzone und Brandschutzmaßnahmen.
Was dieses Geld abdeckt — und was nicht
600 Mio. UAH entspricht ungefähr 14 Mio. Euro zum aktuellen Kurs. Zum Vergleich: Nach dem Treffer einer russischen „Geran-2"-Drohne im Februar 2025 auf das Schutzgehäuse (New Safe Confinement) wird der primäre Schadensersatz auf mindestens 500 Mio. Euro geschätzt. Das heißt, die ukrainischen Haushaltsmittel decken weniger als 3% der Kosten allein für die Wiederherstellung der Kuppel.
„Das Schutzgehäuse hat seine ursprünglichen Sicherheitsfunktionen verloren, einschließlich seiner Isolationsfähigkeit."
— IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi nach einer Inspektion im Dezember 2024
Die IAEA hat keine strukturellen Schäden an den tragenden Konstruktionen der Kuppel festgestellt, jedoch wird eine umfassende Wiederherstellung als notwendig erachtet — ohne diese würde die 100-jährige Lebensdauer der Konstruktion durch Korrosion gefährdet.
Wer und unter welchen Bedingungen finanziert die Wiederherstellung
Die Koordination der internationalen Finanzierung hat die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) übernommen, die seit den 1990er Jahren der Hauptgeber für Tschornobyl-Projekte ist. Die Gesamtkosten für die Wiederherstellung des Schutzgehäuses nach dem Standard 2030 werden auf 500 Mio. Euro geschätzt — genau diese Zahl nannte Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot im März nach einem G7-Treffen. Die USA haben bereits die Bereitstellung von 100 Mio. Dollar als ersten Beitrag angekündigt. Die EBWE bereitet die erste Tranche vor, die Fristen für ihre Bereitstellung wurden jedoch noch nicht angekündigt.
- Der Drohnenanschlag am 14. Februar 2025 beschädigte die äußere und innere Verkleidung der Kuppel und zerstörte die Isolationsschicht.
- Es besteht keine unmittelbare Strahlungsgefahr — die tiefste Konstruktionsschicht wurde nicht durchdrungen.
- Ohne vollständige Wiederherstellung bis 2030 könnte Korrosion die langfristige Isolierung des vierten Reaktors gefährden.
Betriebliche Realität: Ein Kernkraftwerk ohne Stromerzeugung
Das Kernkraftwerk Tschornobyl erzeugt seit 2000 keinen Strom mehr, benötigt jedoch ständig Personal und Finanzierung — zur Kühlung von abgebranntem Kernbrennstoff, zur Überwachung des Strahlungshintergrunds und zur Wartung der Infrastruktur. Genau dies wird durch die 525 Mio. UAH aus dem neuen Haushaltsbudget gedeckt: Gehälter, technische Wartung, Betriebskosten. Dies ist keine „Wiederaufbau" — dies ist der tägliche Preis für den Unterhalt eines Objekts, das die Menschheit nicht einfach abschließen kann.
Sollte die EBWE die erste Tranche zur Wiederherstellung des Schutzgehäuses bis Ende 2025 nicht genehmigen, wird sich die Ukraine vor einer Wahl wiederfinden: die Kuppel auf Kosten eines ohnehin defizitären Haushalts flicken oder sich damit abfinden, dass die für 1,5 Milliarden Euro internationale Mittel erbaute Struktur schneller als nach Plan abbaut.