Butscha für 250 Euro und 50 Jahre voraus: Wie die Ukraine Gedenkturismus ohne Strategie aufbaut
Ausländer reisen bereits zu den Panzergräberfeldern in der Region Kiew, während der Staat erst noch Vorgehensweisen entwickelt. Die Schlüsselfrage lautet – wer wird die Grenze zwischen Erinnerung und Spektakel bestimmen und wie?
Von Tetiana Suchkova-Ladik
25. Mai 2026 · 2 Min. Lesezeit
In Butscha sind auf den Tafeln des Denkmals für die Opfer der russischen Besatzung über fünfhundert Namen eingraviert. Der Rektor der Andreaskirche, Andrii Halavín, arbeitet mit keinem Reiseveranstalter zusammen, weigert sich aber nicht, Menschen zu empfangen: «Wenn jemand Mittel und Zeit aufwendet, um in die Ukraine zu reisen, sucht er nach Antworten». Ungefähr so entwickelt sich bislang spontan und ohne Koordination der Gedächtnistourismus in der Ukraine.
Was es jetzt gibt: Routen ohne Karte
Die Staatliche Agentur für Tourismusentwicklung (DART) bestätigte gegenüber LIGA.net: Gedächtnisrouten werden überwiegend auf lokaler Ebene realisiert – durch Gemeinden, Museen, Freiwillige und Reiseführer. Es gibt keine zentralisierte Strategie. Die Agentur betont, dass debesetzte und vom Krieg betroffene Gebiete nicht als «gewöhnliche Touristenziele» wahrgenommen werden sollten – es geht um Erinnerungskultur, Würdigung der Gefallenen und Dokumentation der Aggression, nicht um Unterhaltung.
Die Nachfrage existiert jedoch bereits. Ausländische Unternehmen organisieren Reisen nach Butscha und Irpin – eine Tagestour durch Kiew kostet etwa 150 Euro, eine Route in die Region Kiew mit Besuch debesetzter Städte – 250 Euro. Die Gruppen sind klein, Informationen über Reisen werden nicht öffentlich beworben. Den Organisatoren zufolge reisen die meisten Touristen nicht des Adrenalinkicks wegen, sondern um die reale Situation zu sehen und die Wirtschaft zu unterstützen.
Infrastrukturelle Lücke
Irpin und Butscha werden wieder aufgebaut, aber die Gedächtnisinfrastruktur bleibt im Anfangsstadium. Anna Kutsenko, Direktorin des Unternehmens «Ukraine turistychna», spricht von der Notwendigkeit grundlegender Dinge: komfortable Zufahrten, Parkplätze, Sanitäranlagen, Beschilderung.
«Wir erwarten, dass die Besucherzahl wachsen wird, daher sprechen wir von verantwortungsvollem, zivilisiertem Tourismus. Deshalb sehen wir die Notwendigkeit eines qualitätsvollen Architekturwettbewerbs und die Schaffung eines Gedächtnisraums, der auf lange Sicht angelegt ist – für 50 bis 100 Jahre».
Anna Kutsenko, Direktorin des Unternehmens «Ukraine turistychna»
Parallel zur Infrastruktur stellt sich auch die Sicherheitsfrage: Teile der debesetzten Gebiete sind noch immer gefährlich wegen Minenrisiken, beschädigter Infrastruktur und Gefahren durch wiederholte Anschläge.
Warum dies nicht einfach Tourismus ist
Gedächtnistourismus als Industrie hat bewährte globale Modelle. DART führt Beispiele an:
- Auschwitz-Birkenau (Polen) – über 1,7 Millionen Besucher pro Jahr, integriert in das Bildungssystem von Dutzenden Ländern;
- 9/11 Memorial (New York) – eines der meistbesuchten Museen der USA;
- Tunnel der Hoffnung in Sarajevo – Denkmal der Belagerung der 1990er Jahre, das zum Schlüsselpunkt der bosnischen Identität wurde;
- «Yad Vashem» (Jerusalem) – globales Zentrum für Dokumentation und Bildung über den Holocaust.
Ein gemeinsames Merkmal aller dieser Orte: Sie entstanden Jahre nach der Tragödie, hatten ein klares Konzept und staatliche oder institutionelle Unterstützung. Die Ukraine beginnt diesen Weg noch während der aktiven Phase des Krieges – ohne Präzedenzfall in der modernen Geschichte.
Der zentrale ethische Knoten liegt darin, wo die Grenze zwischen Erinnerung und Spektakel liegt. Irpin und Butscha versuchen, auf eine schwierige Frage zu antworten: wie man die Erinnerung an das Trauma bewahrt, ohne die Stadt in ein Museum des Schmerzes zu verwandeln. Darum geht es bei Fragen zu architektonischen und konzeptionellen Wettbewerben – nicht um Ästhetik, sondern um Politik.
Wenn der Gedächtnisraum in der Region Kiew vor dem vollständigen Ende des Krieges gestaltet wird, erhält die Ukraine ein Instrument des internationalen Dialogs über russische Verbrechen, das keine diplomatischen Erklärungen geben können. Falls nicht – wird diese Erzählung ohne sie geformt: durch Freiwilligenrouten, spontane Instagram-Fotos und fremde Interpretationen.