Stubb bereit, die Stimme Europas in Verhandlungen zu sein — doch erst muss Russland einem Waffenstillstand zustimmen
Finnlands Präsident Alexander Stubb bestätigte öffentlich seine Bereitschaft, Europa bei Friedensverhandlungen über die Ukraine zu vertreten. Das Problem besteht darin, dass es keinen Delegierungsmechanismus gibt — und Moskau hat bereits seinen eigenen Kandidaten vorgeschlagen.
Von Oleg Bazylewicz
25. Mai 2026 · 2 Min. Lesezeit
Am 24. Mai antwortete Finnlands Präsident Alexander Stubb in einer Live-Sendung des finnischen Rundfunks Yle auf die Frage, ob er bereit sei, Europa bei Friedensverhandlungen über die Ukraine zu vertreten. Die Antwort war eindeutig.
«Wenn man mich fragt, dann ist dies wahrscheinlich die Frage, auf die man nicht negativ antworten kann».
Alexander Stubb, Präsident von Finnland, Yle, 24. Mai 2025
Gleichzeitig präzisierte er eine Bedingung: Friedensverhandlungen sind nur möglich, wenn sich Russland zu einem Waffenstillstand verpflichtet. Ohne diesen Schritt bleibt jede Vertretung eine Erklärung ohne Inhalt.
Woher kam die Forderung nach einer «Stimme Europas»
Die Forderung entstand Ende Mai vor dem Hintergrund zweier paralleler Prozesse. Die amerikanische Vermittlungsinitiative ist in eine Sackgasse geraten: Wie Reuters berichtet, sind die Verhandlungen unter Beteiligung der USA praktisch zum Erliegen gekommen. Direkte Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland in Istanbul dauerten weniger als zwei Stunden und führten zu keinem Durchbruch — die Parteien vereinbarten lediglich den Austausch von Memoranden und die Fortsetzung des Dialogs.
In diesem Kontext erklärte Ukraines Außenminister Andrii Sybiha in einem am 11. Mai veröffentlichten Gespräch mit Politico: «Wir brauchen wahrscheinlich eine neue Rolle Europas bei unseren Friedensbemühungen». Nach seinen Worten hat Kiew die Europäische Union bereits gebeten, bei der Organisation eines Flughafenwaffenstillstands zu helfen.
Zelenskyj hatte diesen Gedanken bereits früher geäußert: Europa sollte seinen eigenen Vertreter bei Verhandlungen mit Moskau haben. Stubb ist der erste europäische Anführer, der darauf öffentlich und zustimmend reagiert hat.
Ein Konkurrent aus Berlin — und ein alter Ruf
Parallel dazu stellte Putin am 9. Mai seine eigene Kandidatur auf: der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder als «europäischer Vermittler». Schröder ist ein alter persönlicher Freund Putins und wurde nach 2022 in Deutschland dafür verurteilt, dass er seine Verbindungen zum Kreml nicht kappen wollte. Seine Kandidatur ist für die meisten EU-Staaten inakzeptabel, aber die Tatsache selbst, dass Moskau den Namen zuerst nannte, dokumentiert: Russland möchte auch Einfluss darauf haben, wer am Tisch sitzt.
Stubb hingegen hat eine andere Vertrauensbasis:
- Präsident eines NATO-Mitgliedslandes, das an Russland grenzt und dem Bündnis gerade wegen der vollumfänglichen Invasion beigetreten ist;
- Hat wiederholt erklärt, dass die Unterstützung der Ukraine eine Sicherheitsfrage Finnlands selbst ist;
- Nannte den Moment im Dezember 2025 «kritisch» und sah die größte Chance auf eine Beilegung in fast vier Jahren Krieg.
Was es gibt und was nicht
Stubbs Bereitschaft ist eine persönliche Position, kein Mandat. Weder die EU, noch der Europarat, noch eine Koalition von Verbündeten haben sich auf einen einzigen Vertreter geeinigt. Es gibt weder ein Delegationsverfahren noch ein definiertes Format, in dem ein solcher Vertreter tätig wäre. Wie Liga.net unter Berufung auf diplomatische Quellen berichtet, haben die europäischen Anführer sich noch nicht geeinigt, wer und wann direkten Kontakt mit Russland aufnimmt.
Stubb selbst gab dies in seinem Gespräch mit Yle zu: «Wir haben mit europäischen Führern darüber diskutiert, wer den Kontakt aufnimmt, aber wir wissen es noch nicht».
Es gibt also zwischen Bereitschaft und Befugnissen eine Kluft von verfahrenstechnischen Entscheidungen, die bisher nicht getroffen wurden.
Wenn Russland sich in den nächsten Wochen nicht auf einen Waffenstillstand als Vorbedingung für Verhandlungen einigt, wird die Frage nach Stubbs Kandidatur akademisch bleiben — denn ohne Tisch ist es egal, wer daran sitzt.