250 ballistische Raketen in einem Winter – und nur ein Abfangjäger pro Rakete: Wie sich die Ukraine gegen eine Bedrohung verteidigt, der fast nichts entgegengesetzt werden kann
Der Generalstabschef Andrij Hnatow bezeichnete die Luftverteidigung als kritischen Engpass — die Zahlen bestätigen dies: In drei Jahren erhielt die Ukraine etwa 600 Patriot-Abfangraketen, während Russland allein im vergangenen Winter etwa 250 Flugkörper abfeuerte.
Von Tetiana Suchkova-Ladik
10. Juni 2026 · 2 Min. Lesezeit
Der Generalstabschef der Streitkräfte der Ukraine Andrij Hnatov nannte in einem Interview mit LIGA.net den Mangel an Luftabwehrsystemen gegen Ballistik die größte militärische Herausforderung für die Ukraine heute. Dies klingt wie ein diplomatisches Signal an die Partner — aber konkrete Daten verwandeln es in ein arithmetisches Problem.
Ein Abfangjäger pro Rakete — das ist schon Luxus
In den drei Jahren seit die Ukraine im Frühjahr 2023 die ersten Patriot erhielt, waren die Munitionslieferungen ungleichmäßig, und der Mangel wurde chronisch kritisch. Allein im Winter 2025–2026 feuerte Russland etwa 250 ballistische, aeroballistische und Hyperschall-Raketen auf die Ukraine ab — während die Ukraine insgesamt in drei Jahren nur etwa 600 Patriot-Abfangjäger erhielt.
Der Mangel zwang die ukrainischen Patriot-Operatoren, nur einen MSE-Raketenabfangjäger pro ballistisches Ziel einzusetzen. Zum Vergleich — feuerte Katar beim Abfangen iranischer ballistischer Raketen auf ein bis vier Ziele 15–16 Abfangjäger ab.
«In erster Linie geht es um russische Ballistik. Leider sind die Mittel, die wir haben, unzureichend. Wir haben einen ständigen, kritischen Mangel an Systemen, die in der Lage sind, ballistische Waffen des Gegners abzuschießen».
Andrij Hnatov, Generalstabschef der Streitkräfte der Ukraine, Interview mit LIGA.net
Wo Patriot steht — dort wird abgewehrt. Wo es nicht steht — wird getroffen
Russland setzt Flugkörper zunehmend außerhalb der Abdeckungszonen von Patriot und SAMP/T ein — das heißt, es schießt auf Bereiche, in denen die Ukraine bewusst keine Systeme einsetzt, weil es nicht genug davon gibt. In den letzten Monaten ist der Einsatz von Ballistik gegen Ziele an der Front und unmittelbar im rückwärtigen Gebiet gestiegen — Bereiche, in denen es keine Patriot gibt.
Der Mangel an Systemen zwingt die Ukraine, den Einsatz deutlich tiefer im rückwärtigen Gebiet zu priorisieren und lässt vordere Ziele naturgemäß ungeschützt. Es ist bekannt, dass nur wenige große Städte und kritische Infrastrukturobjekte unter Schutz stehen — die meisten bleiben wehrlos.
PAC-3 oder ein billigerer Ersatz
Der Hauptfokus liegt auf den PAC-3-Raketen — sie gelten als die effektivsten zum Abfangen von ballistischen Bedrohungen im Patriot-System. Das Problem liegt beim Preis und der Produktionsgeschwindigkeit: Washington war mit den Zusagen unzufrieden, bis 2033 2.000 Patriot-Raketen herzustellen — sie werden jetzt benötigt.
Gleichzeitig sucht die Ukraine nach asymmetrischen Antworten. Das Startup Cascade entwickelte das Funkstörsystem Lima im Wert von etwa 58.000 Euro pro Einheit, das Drohnen und Raketen blockieren und umleiten kann — und hat bereits über 400 solcher Systeme geliefert. Aber gegen ballistische Waffen mit träger Lenkung wirkt die Funkstörung nur teilweise.
- Mai 2025: nach Angaben von Hnatov setzte Russland pro Monat Zehntausende Luftangriffswaffen ein
- Winter 2025–2026: etwa 250 ballistische Raketen pro Saison — bei einem Gesamtbestand von nur etwa 600 Abfangjägern in drei Jahren
- Ergebnis: Operatoren werden gezwungen, einen Abfangjäger statt der üblichen 4–6 pro Ziel einzusetzen
Zelenskyj hebt nach Angaben von RBC-Ukraine regelmäßig die Frage der Raketen für die Luftabwehr und ballistischen Abfangjäger in seinen abendlichen Ansprachen auf. Aber öffentlicher Druck führt nicht automatisch zu Lieferungen — das Produktionstempo von PAC-3 in den USA ist physisch begrenzt.
Wenn die Partner die Lieferungen von PAC-3 MSE bis Ende 2025 nicht erhöhen, steht die Ukraine faktisch vor der Wahl: Kiew oder Charkow schützen — aber nicht beide Städte gleichzeitig.