Tusk beschwert sich, dass Polen nicht im Zimmer ist – einen Tag später unterzeichnet London mit Warschau ein Sicherheitsabkommen
Das Format E3 ließ Polen und Italien vor der Londoner Friedenskonferenz zur Ukraine vor der Tür. Tusks Reaktion offenbarte einen tieferen Konflikt: Wer hat das Recht, Europas Position bei Verhandlungen mit Moskau zu prägen?
Von Tetiana Suchkova-Ladik
10. Juni 2026 · 2 Min. Lesezeit
Am 7. Juni unterzeichneten Selenskyj und die Führungspersonen Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands – Starmer, Macron und Merz – in London eine gemeinsame Erklärung mit fünf Bedingungen für einen „gerechten und dauerhaften Frieden". Darunter befinden sich: sofortige vollständige Waffenstillstandsinitiative auf Putins Initiative hin, Verhandlungen von der aktuellen Konfliktlinie aus, rechtsverbindliche Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Polen war nicht im Raum.
„Wir sind nicht da – also werden wir nicht gehört"
Am Dienstag, 9. Juni, kritisierte Polens Premierminister Donald Tusk das E3-Format offen. Nach Angaben von Reuters erklärte er, dass Warschaus Rolle bei der Unterstützung der Ukraine und seine Position an der Ostflanke der NATO jede Rechtfertigung für eine Verhandlungsstruktur unmöglich machen, die Polen außen vor lässt. Eine ähnliche Position bezog Italien – Rom war ebenfalls nicht eingeladen.
„Polen muss an Verhandlungen über die Zukunft der Ukraine teilnehmen"
Donald Tusk, Premierminister von Polen, Reuters, 9. Juni
Tusks Argument ist kein Protokollproblem. Polen ist der größte Rüstungsausgabengeber der NATO im Verhältnis zum BIP: 2025 beträgt dies etwa 4,3% des BIP. Seit 2022 dient es als militärisch-logistischer und humanitärer Knotenpunkt zur Unterstützung der Ukraine und hat Millionen ukrainischer Flüchtlinge aufgenommen. Nach Angaben von EUToday ist der Streit um das Format tatsächlich ein Wettbewerb darum, wer die gesamteuropäische Position noch vor direktem Kontakt mit Moskau oder Washington formuliert.
Antwort: Partnerschaft ja, Platz am Tisch – nicht versprochen
Starmers Pressesprecherin reagierte zurückhaltend: London ist bereit, mit allen europäischen Partnern, einschließlich Polen, zusammenzuarbeiten, um Frieden in der Ukraine zu erreichen. Eine Erweiterung des E3-Formats zu E5 – auf Drängen Warschaus und Roms – wurde nicht direkt zugesagt.
Stattdessen unterzeichneten Starmer und Tusk bereits am nächsten Tag, dem 11. Juni, in London ein bilaterales Sicherheitsabkommen. Nach Angaben der britischen Regierung sieht die Vereinbarung gemeinsame Produktion von Luftabwehrraketen einer neuen Generation mit mittlerer Reichweite vor, erweiterte Nutzung von unbemannten Systemen an der Ostflanke der NATO und umfangreiche gemeinsame Übungen. Starmer nannte dies einen „generationenübergreifenden Sprung" in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Der Vertrag folgt ähnlichen Vereinbarungen Londons mit Paris und Berlin.
Diplomatie auf parallelen Gleisen
Die Logik der britischen Position wird deutlich: E3 – ein operatives Format für schnelle Entscheidungen mit den nächsten Verbündeten, bilaterale Verträge – ein Mechanismus für einen breiteren Kreis von Partnern. Das Problem besteht darin, dass gerade im E3-Format die Friedensbedingungen formuliert werden, nicht in bilateralen Vereinbarungen. Polen, das mehr als jedes andere EU-Land an das Kriegsschauplatz grenzt, erhält einen Vertrag über Raketen, aber keinen Platz dort, wo die Grundsätze der Regelung bestimmt werden.
Nach einer Analyse von EUToday wird Polens Abwesenheit von den Schlüsselverhandlungsplattformen – vom Berliner Treffen im Oktober 2024 bis zum Londoner im Juni 2025 – zu einem systemischen Trend und nicht zu einem einmaligen Protokollfehler.
Wenn sich Moskau auf Verhandlungen einigt und E3 sich ohne Warschau an den Tisch setzt – wird Polen die Ergebnisse eines Formats anerkennen, bei dessen Bildung es nicht teilgenommen hat?